Manchmal bewahrt ein Mensch etwas in sich, das die Zeit nicht auslöschen kann: ein Gedicht, ein Klang, einen Rhythmus, eine Stimme aus der eigenen Kindheit. Elisabeth hatte dieses Gedicht von Gottfried Keller vor etwa fünfundachtzig Jahren gelernt, damals als schlesisches Schulmädchen. Viele Jahrzehnte später trug sie es, sechsundneunzigjährig, in der Stiftungsgalerie aus dem Stegreif vor.
Was für ein stilles Wunder liegt in einem solchen Moment.
Ein Gedicht, das einst im Schulzimmer gelernt wurde, bleibt nicht einfach als Text im Gedächtnis liegen. Es verbindet sich mit Atem, Betonung, Gefühl und Lebensgeschichte. Worte, die ein Kind sich mühsam eingeprägt hat, können ein ganzes Leben überdauern und im hohen Alter wieder hervorleuchten — klar, lebendig und gegenwärtig. Das menschliche Gehirn ist nicht nur ein Ort des Denkens. Es ist auch ein Speicher der Erfahrung, ein Haus der Erinnerungen, ein Resonanzraum für Sprache, Musik und Empfindung.
Lernen ist mehr als das Ansammeln von Wissen. Was wir wirklich aufnehmen, wird Teil von uns. Ein Vers, ein Lied, ein Gebet, eine Melodie: Solche Dinge können tief in uns wohnen. Sie begleiten uns, auch wenn wir sie lange nicht bewusst hervorholen. Und dann, in einem besonderen Augenblick, sind sie wieder da — als wäre kaum Zeit vergangen.
Elisabeths Vortrag erinnert uns daran, welche Kraft Bildung, Sprache und Erinnerung haben. Er zeigt, dass frühes Lernen Spuren hinterlässt, die ein Leben lang tragen können. Und er macht sichtbar, wie kostbar die geistige Welt eines Menschen ist, gerade auch im hohen Alter. In ihr wohnen nicht nur Daten und Fakten, sondern Bilder, Stimmen, Heimat, Kindheit und Persönlichkeit.
So wird diese Tonaufnahme zu mehr als der Aufzeichnung eines Gedichts. Sie ist ein Zeugnis von Elisabeths innerer Lebendigkeit. Sie lässt uns staunen über die Treue des Gedächtnisses und über die Schönheit eines Moments, in dem Vergangenheit und Gegenwart einander berühren.
Wir erinnern uns an Elisabeth mit Dankbarkeit, Achtung und Wärme. Ihr auswendig gesprochenes Gedicht bleibt als leiser Nachklang erhalten — ein Zeichen dafür, dass das, was ein Mensch gelernt, geliebt und in sich getragen hat, weiterwirken kann.
Gedicht von Gottfried Keller
Zum Gedenken an Elisabeth
* 22.05.1929 - ✝ 10.02.2026
Gottfried Keller
* 19. Juli 1819 in Zürich
† 15. Juli 1890 ebenda
Schweizer Maler, Dichter, Politiker
Anmoderiert durch Felicitas -Lotta Götz (12)
